Walter Wippersberg

 

 

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Walter Wippersberg

Der neue Kampf ums Urheberrecht

(Zuerst erschienen in »99«/ Nr. 94 / April 2012)

 

Wer ein Produkt herstellt, das andere haben wollen, der soll für dieses Produkt auch bezahlt werden. Und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein materielles oder ein geistiges Produkt handelt. Das war bis vor kurzem allgemein akzeptierte Meinung. Geistiges Eigentum ist (seit mehr als 170 Jahren schon) durchs Urheberrecht geschützt. Wer sich fremdes geistiges Eigentum einfach aneignet, muß mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Das war – mehr oder weniger – unbestritten, so lange etwa die Herstellung von »Raubdrucken« (Bücher) oder »Raubkopien« (Filme) oder »Raubpressungen« (Schallplatten) mit erheblichem Aufwand verbunden war.
Das ist nun ganz anders geworden. Auf elektronischem Weg können Filme, Musikstücke, Werke der bildenden Kunst und der Literatur so einfach vervielfältigt werden, wie man sich das vor ein paar Jahrzehnten noch nicht hat vorstellen können. Ist etwas einmal digitalisiert und »ins Netz gestellt«, dann kann jeder damit tun, was er will. Er darf es nicht, aber er kann, also tut er es. Viele tun es. Daß die, um deren geistiges Eigentum es dabei geht, sich dagegen wehren wollen, ist verständlich. Also verlangen sie, die Künstler nämlich, daß das Urheberrecht an die neuen Gegebenheiten angepaßt wird. In Österreich wurde die Initiative »Kunst hat Recht« gestartet.
Doch da gab es bald eine »Gegeninitiative« aus den eigenen Reihen (wobei das noch zu hinterfragen sein wird, ob das wirklich die eigenen Reihen sind).
Neue experimentelle (oder auch schon wieder recht gängig gewordene) Kunstformen seien, heißt es, gefährdet, wenn man sich wirklich um Urheberrechte kümmern müßte. Die Kunst des Sampelns etwa.
»Netzcommunitys und PiratInnen«, schreibt Tina Leisch, »lehnen alle Versuche ab, das freie Fließen der Informationsströme im Sinne des alten Urheberrechts zu reglementieren.« (Standard-Leser-Kommentar vom 30.1.2012)
Konrad Becker meint, »keines der großen Hip-Hop-Alben der 1980er-Jahre könnte heute noch produziert werden« (Standard 26.1.2012), und Andy Warhol hätte nicht zum großen Pop-Art-Künstler werden können. Dieser Einschätzung kann man zustimmen oder auch nicht (ich neige, vor allem was das Beispiel Andy Warhol anlangt, zu eher nicht), doch verliert das Argument ohnehin an Gewicht, wenn man weiß, daß die Schöpfer dieser »großen Hip-Hop-Alben« oder Andy Warhol durchaus nicht auf ihre Einkünfte aus der urheberrechtlichen Verwertung ihrer Arbeit verzichtet haben.
»Viele der jüngeren, mit den Konzepten der Tausch- und Geschenkökonomie im Internet sozialisierten KulturmacherInnen« seien über die Initiative »Kunst hat Recht« verärgert, schreibt Tina Leisch.
»Tausch- und Geschenkökonomie«, das ist eine nette Formulierung, nur wird aus ihr nicht klar, daß hier Dinge getauscht und verschenkt werden, die jemand anderem gehören. Sorry, auch wenn man es gerne hätte und wenn das heute so einfach geworden ist, man kann sich nicht einfach nach Gutdünken an fremdem geistigen Eigentum bedienen. Sonst dürfte – auf den Bereich Wissenschaft umgelegt – ein Karl-Theodor zu Guttenberg nicht länger als Plagiator gelten, sondern müßte recht eigentlich als Avantgardist gepriesen werden, nämlich als einer der Erfinder der gesampelten Dissertation.
Was sich als Gegeninitiative zu »Kunst hat Recht« präsentiert, ist nicht so eigenständig, wie es scheinen mag, vielmehr Teil einer »Anti-Acta-Bewegung«. Was allenfalls Acta vorzuwerfen wäre, wird der Initiative »Kunst hat Recht« vorgeworfen, und das ist unzulässig, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Schreckgespenst Acta?

Acta (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) ist ein multilaterales Handelsabkommen auf völkerrechtlicher Ebene. Ein Handelsabkommen, wie es viele gibt. Dieses spezielle soll Produktfälschungen und Urheberrechtsverstöße verhindern helfen.
Gegen Acta wurde und wird protestiert, im Internet sowieso, gelegentlich auf der Straße, wo vor allem junge Leute für ihre »digitale Freiheit« demonstrieren. Sie kritisieren: Sie, die User, hätten bei Acta nicht mitreden dürfen, das sei alles »hinter verschlossenen Türen« ausgehandelt worden. Das ist nicht ganz falsch, und man sollte und wird wohl den einen oder anderen Acta-Punkt noch diskutieren müssen. Und das geschieht ja auch. Vieles von dem, was die Anti-Acta-Aktivisten kritisieren, steht gar nicht mehr im aktuellen Text. Vieles, was in ersten Entwürfen tatsächlich bedenklich war, wurde von der EU-Kommission längst »herausverhandelt«.
Der Schutz geistigen Eigentums, um den es geht, ist – meiner und nicht nur meiner Ansicht nach – allerdings nicht verhandelbar. Freilich wird er durch Acta weder neu definiert noch in irgendeiner Weise ausgeweitet, es soll nur ein Instrumentarium geschaffen werden, das es ermöglicht, gegen die längst zur Gewohnheit gewordene Verletzung des Urheberrechts im Internet vorzugehen.
»Acta ist nicht mehr und nicht weniger als ein Abkommen, das internationale Standards für 13 Vertragsparteien schafft, um Urheberrechte so durchzusetzen, wie sie bereits heute im europäischen Recht gewährleistet sind«, schreibt Karel de Gucht, der Handelskommissar der EU-Kommission (Der Standard, Kommentar der anderen, 27. Februar 2012).
Daß was schon Recht ist, jetzt auch durchgesetzt werden soll, läßt manche manches befürchten. Es könnte, kann man auf Anti-Acta-Internetseiten lesen, zur Beschlagnahmung von Laptops und Datenträgern an Staatsgrenzen kommen. Es könnten – was für eine unmenschliche Maßnahme! – bei nachgewiesenen Urheberrechtsverletzungen gar Schadenersatzansprüche erhoben werden. Und oft wird vor einer angeblich oder (so klar ist das alles nicht) tatsächlich geplanten »Three-Strikes-Regelung« gewarnt: Nach zwei Vergehen, die milde (z.B. mit Verwarnungen) geahndet werden, könnte beim dritten Mal eine wirkliche Strafe folgen, etwa der Entzug des Internetzugangs für eine bestimmte Zeit.
Damit die User ein bissel Angst kriegen, werden seltsame Worst-case-Scenarien zusammengeschustert, zum Beispiel dieses: Da stellt ein harmloser Nutzer ein selbstverfertigtes Video ins Netz. In diesem Filmchen ist zufällig ein Fernseher zu sehen, auf dem eine urheberrechtlich geschützte Sendung läuft. Schon das könnte, prophezeit man, zu einer Sperre des gesamten Videoportals führen.
Ein ziemlich blödes Beispiel, oder nein? Aber es scheint wirksam zu sein, es wird nicht nur an vielen Stellen im Internet, sondern auch in mancher Zeitung angeführt, um die Gefahren zu beschreiben, die uns von Acta her drohen. Und manch eine(n) wird es dazu gebracht haben, auf der Straße gegen Acta zu demonstrieren, zumal ja auch – auf welche Weise, wird nicht näher begründet – die Bürgerrechte eingeschränkt werden sollen, die Meinungsfreiheit in Gefahr ist etc.etc.
»Obwohl Sie vielleicht in den vergangenen Wochen das Gegenteil gehört oder gelesen haben mögen, wird Acta nicht das Internet zensieren. Es wird nicht dazu berechtigen, einzelne E-Mails oder Blogs zu überwachen. Es wird private Internetdienstleister nicht zu Hilfssheriffs des Internets machen. Es wird nicht den Verkauf legaler Generika beschränken. Es wird nicht dazu berechtigen, Laptops oder MP3-Player von Zollbeamten durchsuchen zu lassen.« Das behauptet Karel de Gucht. Aber darf man einem EU-Kommissar glauben, was er sagt? Die Politiker lügen doch alle, wenn sie nur den Mund aufmachen, und die in Brüssel lügen ganz besonders ungeniert, oder nein?
Welche Folgen es haben wird, wenn Acta tatsächlich einmal in Kraft getreten sein wird, läßt sich meiner Abschätzung nach heute noch nicht wirklich sagen. Da gibt es viele »Kann-Bestimmungen« drin, da wird, vermute ich, vieles im Detail erst von Gerichten ausjudiziert werden müssen.
Bis dahin halte ich da oder dort Skepsis für angebracht und eine kritische Beobachtung der Entwicklung für geboten. Aber, wie schon gesagt, »Kunst hat Recht« ist die eine Sache, Acta eine ganz andere. Und eins mit dem anderen zu vermischen oder gar gleichzusetzen, ist unredlich. Doch geschieht es.
Der Schriftsteller Michael Amon hat in einem Gastkommentar der »Presse« für die Intiatitive »Kunst hat Recht« plädiert, und schon unterstellt ihm ein paar Tage später eine Frau Evelyne Haberl (wiederum in der »Presse«), er unterstütze Acta.
Das hat dann »Kunst hat Recht«-Mit-Initiator Gerhard Ruiss zu dieser Klarstellung veranlaßt: »Wir sprechen uns gegen Providerhaftung, staatliche Überwachungen und Netzsperren aus, wir treten für den freien Download ein. Unser Verhältnis zu Acta war und ist unmißverständlich: Vereinbarungen und Gesetze, die nicht im Einklang mit den Bürgerrechten stehen, werden von ›Kunst hat Recht‹ abgelehnt.« (Die Presse, 14.03.2012)
Die Forderung, daß geltendes Recht – auch im Falle des Urheberrechts – durchzusetzen ist, wird damit natürlich nicht aufgegeben.
Tatsächlich aber wird das – zunehmend auch ganz offen – in Frage gestellt. Und wer dafür eintritt, wird ins rechte Ecke gestellt. Die nach Eigendefinition »freie Piratin« namens Evelyne Haberl benennt zu diesem Zweck die Initiative »Kunst hat Recht« um in: »Kunst hart rechts« (Die Presse, 9.3.2012).
»Man wird nirgendwo schneller auf Abwehrreaktionen stoßen, die sich auf Nachrichten vom Hörensagen und auf Insiderinformationen durch Besserwisserei gründen, als beim Versuch, zu funktionierenden Rechtsbeziehungen im Netz zu kommen«, schreibt dazu Gerhard Ruiss. »Schon die Thematisierung gilt als Übergriff – unabhängig davon, wer wofür eintritt. Wer nicht für den freien kostenlosen Zugriff auf alles im Netz ist, wird als Befürworter von Netzzensur, des Überwachungsstaats und von Netzsperren tituliert.« (Die Presse, 14.3.2012)

Flennende Piraten

Auffällig ist, daß nicht wenige von denen, die da gegen Acta demonstrieren und ganz unverhohlen für eine Außerkraftsetzung des Urheberrechts im Internet plädieren, sich selbst »Pirat« oder »Piratin« nennen oder gar, ein wenig tautologisch, »freier Pirat« oder »freie Piratin«. Und schon hat sich – vage Stimmungen nutzend – eine »Piratenpartei« gegründet.
Mit wem vergleicht man sich da? Eher wohl nicht mit jenen Kriminellen, die vor Somalia die internationale Schiffahrt bedrohen – mit beträchtlichem Risiko übrigens, denn die werden, wenn ihnen die Kaperung eines Schiffes nicht gelingt, oft einfach erschossen.
Die »Netzpiraten« denken, vermute ich, in ihrer Selbststilisierung romantischer. Ihnen schweben als Leitbilder wohl Figuren vor, wie sie im Film früher einmal von Douglas Fairbanks, Errol Flynn oder Tyrone Power gespielt wurden und heute von Johnny Depp.
Wie aber um alles in der Welt kommen Computer-Nerds auf den Gedanken, sich mit Männern (und übrigens auch der einen oder anderen Frau wie der Irin Anne Bonny) zu vergleichen, die ihr Piratenhandwerk mit der Waffe in der Hand, oft im Kampf Mann gegen Mann ausübten und dabei immer ihr Leben riskierten?
»Bei Piraterie [...] oder Seeräuberei handelt es sich«, ich zitiere aus Wikipedia, »um Gewalttaten, Eigentumsdelikte oder Freiheitsberaubungen, die zu eigennützigen Zwecken unter Gebrauch eines See- oder Luftfahrzeugs auf hoher See oder in anderen Gebieten verübt werden, die keiner staatlichen Gewalt unterliegen.« Vielleicht assoziieren die Netzaktivisten von den unendlichen Weiten der Meere zu den unendlichen Weiten des Internets und meinen, das seien auch Gebiete, »die keiner staatlichen Gewalt unterliegen«. Da irren sie freilich, denn im Internet gilt – anders als im 17. oder 18. Jh. auf den Ozeanen – durchaus internationales wie nationales Recht, auch das Urheberrecht.
Da es sich bei diesen selbsternannten »Netzpiraten« (das unterstelle ich jetzt einfach einmal) ganz gewiß nicht um jene handelt, die Urheberrechtsverletzung im industriellen Stil betreiben, bedürfen ihre »Piratenakte« keines großen persönlichen Mutes. Man »saugt« sich ein paar Musiktitel aus dem Netz, besorgt sich eine amerikanische TV-Serie, die bei uns noch nicht läuft ... sowas in der Art halt. Die durchschnittliche Urheberrechtsverletzung im Internet durchzuführen, ist gefahrloser als einem Kindergartenkind den Lolly wegzunehmen oder einer neunzigjährigen Oma das Handtaschl. Die Internet-»Piratenakte« spielen sich auf kleinstkrimineller Ebene ab, erreichen meist kaum das Niveau der Kauf­hausdiebe und Taschlzieher. Und sie können – im Schutze der Anonymität des Internets – auch von dem verübt werden, der viel zu feig wäre, im Supermarkt auch nur eine Tube Senf mitgehen zu lassen.
Die alten Piraten waren brutale Gesellen (und, wie gesagt, gelegentlich auch Gesellinnen), hatten aber offenbar etwas an sich, was sich zu romantischer Verklärung oder Heroisierung anbot. Bei den »Netzpiraten« kann ich davon nichts erkennen. Denn bei ihnen – diesen Hamstern, die gern Löwen wären – tritt kleinbürgerliche Schnäppchenjäger-Mentalität zu tage, sonst nichts. »Warum für etwas bezahlen, was man – zwar nicht legal, aber fast ganz gefahrlos – auch gratis bekommen kann?«
Die alten Piraten wie Blackbeard, Sir Francis Drake, Sir Henry Morgan und all die anderen, deren Namen wir nur flüchtig oder gar nicht kennen, hatten immer damit zu rechnen, daß man sie, wenn sie einen Kampf nicht für sich entscheiden konnten, über die Planke laufen ließ oder am Mastbaum aufhängte oder wie Klaus Störtebeker enthauptete.
Was haben die »Netzpiraten« zu befürchten? Bis jetzt de facto gar nichts und demnächst – auch wenn Acta in Kraft treten sollte – nicht viel. Viel mehr würde einem, der Urheberrechtsverletzungen Internet nicht grad gewerbsmäßig betreibt, nichts geschehen, als daß man ihm – und auch das nur im sehr unwahrscheinlichen Fall – den Internet-Zugang sperrt (den er natürlich wieder hat, sobald er sich ein neues Notebook kauft). Und eine solche schier nicht auszuhaltende Gefahr bringt die »Piraten« denn auch gleich zum Flennen. Die Freiheit überhaupt und die Meinungsfreiheit im besonderen sei in Gefahr, skandieren sie. Ihre Anonymität müsse ein für allemal gesichert bleiben. Und der Staat habe dafür zu sorgen, daß sie weiterhin »Piraten« bleiben können.
Die deutsche »Piratenpartei« hat übrigens ihren Namen und ihr Logo beim Patentamt angemeldet, um wirksam gegen alle vorgehen zu können, die sich widerrechtlich daran vergreifen.
Störtebeker, schau oba!

Seltsame Allianzen. Nützliche Idioten

Vom Urheberrecht profitierten, wird von den Anti-Acta-Aktivisten behauptet, ja gar nicht die wahren Urheber, sondern nur die »großen Konzerne«. Das ist nicht viel mehr als ein Appell an die antikapitalistischen Affekte, die in den meisten von uns schlummern. Gegen die »großen Konzerne« sind wir doch alle, eh klar. Und wem die »großen Konzerne« noch nicht grauslich genug erscheinen, für den wurde, auf daß er sich auch fürchte, das Wort »Content-Mafia« erfunden. Daß die Mafia was ganz ganz Böses ist, das weiß schließlich jeder. Also: Die »Content-Mafia« würde von einer Durchsetzung des Urheberrechts auch im Internet profitieren, sonst niemand. Keinesfalls die Urheber selbst.
Diese Behauptung stimmt selbst im Film- oder Musikgeschäft, wo es oft tatsächlich um große Summen geht, nur so halb-halb, weil die, mit deren Werken das »große Geld« gemacht wird, selbst in der Regel auch recht ordentlich verdienen. In den Bereichen bildende Kunst oder Literatur stimmt die Behauptung ganz sicher nicht. Die Verlage, in denen meine Bücher erscheinen, verdienen daran gewiß nicht viel mehr als ich. Und daß sie etwas verdienen, ist mir sehr recht, sie könnten es sich sonst nämlich nicht leisten, meine Bücher zu verlegen.
Der deutsche Filmproduzent Martin Moszkowicz schreibt: »Die billige Polemik, die gierigen Platten-, Filmfirmen und Verlage zum Sündenbock machen zu wollen, erinnert an die Rechtfertigung vom Teenager, der im Kaufhaus klaut: Es trifft ja nur die Bonzen. Oder das Argument des Schwarzfahrers: Die U-Bahn fährt ja sowieso. In Wahrheit gibt es nur einen einzigen Grund, warum das Urheberrecht in Gefahr ist: Die neuen technischen Gegebenheiten machen es so leicht, es zu verletzen.« Und er meint: »Verständlich ist es, daß die digitale Variante von ›Freibier jederzeit und für alle‹ unwiderstehlich verlockend ist. Doch gleichzeitig ist offensichtlich, daß diese Rechnung nicht aufgehen und es am Ende gar kein Bier mehr geben kann.« (Der Spiegel, 19.3.2012)
»Neue Verwerter sind gut, alte Verwerter Ausbeuter«, so beschreibt Konrad Lischka das Weltbild derer, die sich im Internet an allem frei bedienen wollen. Und er verweist darauf, daß jene großen Firmen, die das ermöglichen, dies durchaus nicht ohne Gewinnabsicht tun. »Viele alte Verwerter aus der Unterhaltungsbranche bezahlen die meisten Urheber schlecht und wenige sehr gut. Dieses Verhalten gilt bei Kritikern der ›Conten-Mafia‹ als Ausbeutung. Allerdings bezahlen viele neue Verwerter im Web – etwa Megaupload – Urhebern gar nichts. Bei ihnen sehen die Kritiker der ›Content-Mafia‹ dann aber über die Ausbeutung hinweg und loben die Innovationen, die nur leider mit dem überholten Urheberrecht kollidieren.« (Spiegel-Online 10.2.2012)
Mit »Content-Mafia« lassen sich übrigens am ehesten Internet-Multis wie Google sinnvoll beschreiben. Google sammelt Content, also Inhalte, wie und wo es nur möglich ist. Zur Erinnerung: Google hat vor ein paar Jahren damit angefangen, jedes Buch, das in irgendeiner amerikanischen Bibliothek steht, einzuscannen und damit im Internet verfügbar zu machen. Daß dabei wenigstens die minimalsten Regeln des geltenden Urheberrechts eingehalten werden, mußte mühsam gegen Google durchgesetzt werden. Das Urheberrecht steht der Firmenpolitik von Google & Consorten massiv im Wege, was manch einen unbedarften »Internet-Piraten« zum Schluß kommen läßt, Google kämpfe auf der gleichen Seite der Front wie er. Da bilden sich Allianzen der merkwürdigsten Art. (Viele Netzaktivisten kämpfen übrigens an einer anderen Front gegen die »Vorratsdatenspeicherung«. Daß diese von Google in einem Ausmaß praktiziert wird, wie der Staat das nie könnte, scheint sie nicht weiter zu stören.)
Vor den Google-Karren gespannt, wird leicht zum nützlichen Idioten, wer doch nur für Netzfreiheit kämpfen will, denn »im komplett offenen Netz gewinnt immer nur der Stärkere«, wie der Technikphilosoph Sandro Gaycken von der Freien Universität Berlin konstatiert. (Zeit-Online, 4.4.2012)

Wer in einem Spiel nicht mitspielen will,
kann nicht dessen Regeln bestimmen.

Es fällt auf, daß die Proteste gegen Acta und gerade auch jene gegen »Kunst hat Recht« von Leuten getragen wird, die selbst offenbar nur sehr wenig geschaffen haben, was einen Ertrag aus urheberrechtlich geschützter Verwertung bringen könnte. Sofern sie nicht überhaupt nur Theorie produzieren, schaffen sie Kunst ohne Marktwert. Dagegen ist nichts zu sagen. Der Marktwert besagt nicht viel. Was keinen Marktwert hat, kann hohe Kunst sein (muß aber nicht). Andererseits kann aus der Tatsache, daß ein Kunstwerk für mehr als drei Personen interessant ist oder gar ein sehr großes Publikum findet, nicht abgeleitet werden, daß das keinesfalls hohe Kunst sein kann.
Jeder soll das halten, wie er will. Wer mag, der soll, was er an Kunst produziert, ins Netz stellen und den Damen und Herren Usern sagen: Freut euch dran, verändert es nach eurem Gutdünken, macht damit was ihr wollt!
Andere sollen aber auch sagen dürfen, daß sie – wenn’s irgendwie geht – von ihrer Köpfe Arbeit auch leben möchten. Das sind zwei grundverschiedene Vorstellungen von Kunstausübung, und beide müssen möglich sein.
Das geht aber nur, wenn jene, die – absichtlich oder gezwungenermaßen – nicht für einen Markt produzieren, nicht allen anderen ihre Alternativmodelle aufzwingen können. Wer in einem Spiel nicht mitspielen will, kann nicht dessen Regeln bestimmen.
Die schon zitierte Frau Leisch verrät aber, daß sie den Markt gar nicht ganz verachtet. Sie glaubt sogar, das Internet könnte auf Umwegen ein Weg in eben denselben sein: »Hohe Zugriffszahlen oder Einschaltquoten steigern das symbolische Kapital der KünstlerInnen. Dafür kann man sich heute nichts kaufen, aber man wird vielleicht morgen eingeladen, gefördert, ausgestellt, beauftragt, gekauft.« (Standard-Leser-Kommentar vom 30.1.2012)
Das ist nun ein Argument, dem ich gar nichts abgewinnen kann, das ist nämlich auch das Argument, mit dem die »Generation Praktikum« ausgebeutet wird: »Du arbeitest jetzt einmal ohne Geld, dabei machst du dir einen Namen, mit dem wirst du dann schon irgendwann einmal was verdienen.«
Frau Leisch hat aber noch einen anderen Vorschlag: Wir Künstlerinnen und Künstler sollten eine Lösung des leidigen Problems, daß wir halt von irgendwas leben müssen, jenseits des Marktes suchen und uns »an PolitikerInnen oder LehrerInnen orientieren. Die müssen für ihre Dienstleistungen auch nicht bei jedem jeweils Profitierenden kassieren, sondern werden für ihren Dienst an der Allgemeinheit mit Steuergeldern bezahlt.« Davon abgesehen, daß der Staat uns eh nicht bezahlen wird wollen, davor bitte graut mir. Nein, ich möchte von meiner Arbeit leben und nicht permanenter Subventionsempfänger sein – abhängig vom Wohlwollen von Politikern und Kulturbürokraten. Und ich weiß mich darin mit vielen Kolleginnen und Kollegen einig. Auch darin, daß der Wunsch, von eigener Arbeit leben zu wollen, auch bei Künstlern nicht diskreditiert werden darf. »Ich kann das alles nicht mehr hören«, sagt der renommierte deutsche Schriftsteller und »Element of Crime«-Sänger Sven Regener. »Ich kann vor allem die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen, diese Künstler sind ja sowieso alle Nutten, wenn sie’s für Geld machen. Die Leute haben für alles Geld, aber wir sollen das alles umsonst machen.« Und Regener subsummiert: »Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, daß diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße.« (Bayerischer Rundfunk, Bayern 2, Zündfunk, 21.3.2012)
Ja, es geht um Geld, aber es geht, das wird oft übersehen, nicht nur ums Geld.

Eigene Erfahrungen

Vor zwanzig Jahre hab ich den Film »Das Fest des Huhnes« gedreht, der war und ist ziemlich erfolgreich. Er liegt derzeit in zwei DVD-Editionen vor, und seit langem schon verkaufen sich so zwischen 1.500 und 2.000 DVDs pro Jahr. Nicht schlecht für einen zwanzig Jahre alten Film. Wer ihn öffentlich vorführen will (und das sind gar nicht so wenige), der/die fragt an bei mir und beim ORF, der den Film produziert hat, unter welchen Bedingungen er/sie das darf. So weit so gut.
Vor etlichen Jahren hat man mir einmal erzählt, daß man »Das Fest des Huhnes« auch im Internet, auf YouTube nämlich, sehen könne, in sechs 10-min-Portionen aufgeteilt. Ich hab mich – wissend, daß ich, auch wenn mir das nicht gefällt, eh nicht viel dran ändern kann – nicht weiter drum gekümmert. Jetzt erst, für diesen Text, hab ich mir das angeschaut. Und ich kann nur staunen.
Gibt man in den YouTube-Suchmaske »Das Fest des Huhnes« ein, dann werden ganze 266 Ergebnisse aufgelistet. Davon hatte ich keine Ahnung: Der Film steht nicht nur einmal, sondern vielfach auf YouTube, von unterschiedlichen Menschen in unterschiedliche Häppchen aufgeteilt, manchmal (wenigstens auf den ersten Blick) vollständig, manchmal nur als Fragment.
Man erfährt jeweils auch, wer da was hochgeladen hat. Die Namen herauszuschreiben hab ich mir die Mühe gemacht. Hier sind sie: DasHuhn93, infopointaudimax, mullsen, Hullabaloo707, sabrinaemilia, annaenmeleth, SebastianZiegler, Lisi84, shaunsmusic, msir06, muzgog, travelcomments, piestilde, BobsMarley, pabbels85, MrChevy8, SyndikalismusTV, uitology, freibl, koenigsamu. Crushcanon, hasi1492, MisterAdersen, PuchMaster, Piepsi19861986, dpoakaspine, BenMilsesUndCo, Unverdor, Mojowe, nadiaclicat, Makler5000, chrisgott3, wuederosn, FortunaDtown, MrVanDans, DaPonteDaChef, delutrious, dcspretentcam01, almotzo, peterchen1987, gsoenser, DasMottl, arminscherz.
42 Namen. Eigentlich natürlich keine Namen, sondern Decknamen.
Man kann, wenn man will, die Sache so sehen: Da gibt es 42 Menschen, die sind vom »Fest des Huhnes« so angetan, daß sie meinen, sie müßten dazu beitragen, daß möglichst viele diesen Film sehen können.
So kann man’s aber auch sehen: Da gibt es 42 Menschen, die sich einen Dreck drum scheren, daß ihnen das, was sie so gern mit anderen teilen möchten, nicht gehört.
Sie werden freilich dafür oft gelobt. Ein »Dafi0815« etwa schreibt: »so genial, der film! Danke fürs online stellen!«
YouTube liefert auch Zahlen, wie oft die Videos angeklickt werden. Bei einem der »Fest des Huhnes«-Schnippsel ist das immerhin über sechzigtausendmal geschehen.
Ob mir aus der Tatsache, daß der Film ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung ins Internet gestellt wurde, finanzieller Schaden entstanden ist, kann ich nicht sagen. Ich vermute ja, aber ihn zu beziffern ist unmöglich. Wie viele Menschen hätten sich, wenn sie den Film nicht im Internet sehen könnten, eine DVD gekauft? Wer kann das wissen? (An die umgekehrte Möglichkeit, die man gelegentlich hört, daß das Internet den DVD-Verkauf auch fördern könne, glaube ich nicht. Das Internet hat den CD-Markt ruiniert, daß es den DVD-Markt unterstützen sollte, mag ich also nicht glauben.)
Es geht aber, wie schon erwähnt, gar nicht in erster Linie ums Geld: Ich möchte einfach selbst bestimmen können, was mit meinen künstlerischen Arbeiten geschieht. Hätte ich gewollt, daß »Das Fest des Huhnes« auf YouTube für jedermann frei zugänglich ist, hätte ich den Film selbst hochgeladen. Das hab ich mit guten Gründen nicht getan. Hätte ich es freilich getan, wüßte ich, daß da im Internet genau jener Film zu sehen ist, den ich gedreht habe.
Dessen bin ich mir jetzt durchaus nicht sicher. Weiß ich, ob nicht »hasi1492« irgendwas dran verändert hat? Weiß ich, ob nicht »chrisgott3« gekürzt hat, was ihm zu lang erschien? Weiß ich, ob »DasMottl« nicht einen Super-Kommentar dazu gesprochen hat, um den lustigen Film noch lustiger zu machen? Ich weiß es nicht. Um es zu erfahren, müßte ich mir 266 Videos genau ansehen.
Beim »Fest des Huhnes« erfahren YouTube-Nutzer – zwar nicht generell, aber doch in den meisten Fällen, daß der Film von mir ist. Das ist nicht in jedem Fall so.
Es gibt eine Art Fortsetzung vom »Fest des Huhnes«, in der Kayonga Kagame sein Forschungsgebiet auf die den Oberösterreichern benachbarten Stämme ausdehnt: »Dunkles, rätselhaftes Österreich«. Dieser Film steht in einer englischen Fassung, die von der australischen TV-Station SBS hergestellt wurde, auf YouTube. Daß ich das weiß, verdanke ich dieser Tatsache: Ein indischer Dokumentarfilmer hat eine ihm bekannte Professorin an der University of the Witwatersrand in Johannesburg auf einen YouTube-Film hingewiesen, den sie sich unbedingt ansehen müsse. Das tat sie denn auch, und weil sie zufällig aus Deutschland stammt, kam sie drauf, daß sie den Film schon in der Originalfassung unter dem Titel »Dunkles, rätselhaftes Österreich« gesehen hat. Das hat sie mir dann mitgeteilt.
Auf YouTube deutet nichts darauf hin, daß da ein Film von mir zu sehen ist. Der Titel ist geändert in »How Black People See White Culture - a must see!« Und meine Name kommt auf der YouTube-Seite nicht vor. Der Film beginnt im Original mit dem Insert »Ein Film von Walter Wippersberg«. Dieses Insert ist auf YouTube einfach weggeschnitten.
Ein gewisser »dmthead2012« ist dafür verantwortlich. Was er da hochgeladen hat, wurde übrigens zum Stichtag 15. März 2012 bisher 191.490 mal aufgerufen. Toll, nicht? Nein, gar nicht toll für mich.
Gar nicht toll finde ich – noch ein letztes Beispiel – auch das, daß da, wie ich nun herausfinde, auf YouTube ein Video zu finden ist, wo irgendein Depp sich u.a. mit einem Petersilienbüschel-Schnurrbart als Kater verkleidet hat und einen Ausschnitt aus meinem Kinderbuch »Der Kater Konstantin« vorliest.
Ich stelle in Rechnung, daß hier Fans am Werk sind, Leute jedenfalls, die meine Arbeit (Teile davon) schätzen, aber ich bestehe darauf, daß ich – und nur ich! – entscheiden kann, was von meinen Arbeiten in welcher Form ins Internet gestellt wird.
Ich unterschätze ja die Möglichkeiten des Internets als publizistisches Forum durchaus nicht. Beispielsweise kann man praktisch alle Essays, die ich seit 1999 geschrieben hab, auf meiner Homepage finden und nachlesen. Und sie werden offenbar auch gelesen, denn hin und wieder fragt jemand an, ob er diesen oder jenen Text auch auf einer anderen Internet-Plattform veröffentlichen dürfe. Dem kann ich zustimmen oder auch nicht. So, genau so soll das sein.
Ich überlege auch, ob ich nicht jene kleinen Videoarbeiten, mit denen ich mich gelegentlich beschäftige, ins Netz stellen soll. Das sind Filmchen ohne jeden (da haben wir das schlimme Wort schon wieder:) Marktwert, aber für den einen oder andern, der im Netz über sie stolpert, vielleicht doch ganz interessant. Mir erscheint das Internet also als ein vielleicht ganz taugliches Medien zur Veröffentlichung von »Nischenprodukten«.
Manche Kolleginnen und Kollegen sehen offenbar viel größere Möglichkeiten. Elfriede Jelinek veröffentlicht (seit man ihr den Nobelpreis verliehen hat) Prosa, wenn ich es recht sehe, überhaupt nur mehr auf ihrer Homepage. Und Fritz Lehner läßt seinen neuen Roman »Margolin« vor der Buchveröffentlichung als Roman in Fortsetzungen auf der Homepage des Seifert Verlags erscheinen, jeden Donnerstag einen neuen Happen.
Die Frage »Wie hältst du’s mit dem Internet?« müssen sich heute alle Künstler stellen, und die Antworten werden so verschieden sein wie die Künstler. Sichergestellt muß dabei in jedem Fall eines sein: Die Künstler selbst – und nur sie! – haben zu entscheiden, was von ihrer Arbeit in welcher Form im Internet veröffentlicht wird. Und die künstlerische Integrität der Arbeiten muß unangetastet bleiben!

Was uns die E-books bescheren könnten.

Mit E-books hab ich keine Erfahrung, weder als Leser noch als Autor. Aber es gibt natürlich längst Autoren, die schon Erfahrungen gemacht haben. Zum Beispiel den Berliner Florian Felix Weyh, und der erzählt dies: »Neulich kam ein Buch von mir heraus, ein Roman. Drei Tage später las ich in einem Internetforum von Literaturfreunden den ausdrücklichen Wunsch, jemand möge ihn einspeisen. Das E-Book gab es natürlich längst – zu kaufen! [...] Weitere acht Tage später fand ich mehrere Plattformen, auf denen mein Buch als Gratisdownload zu haben war.« (Deutschlandradio Kultur, 14.2.12)
Was hier beschrieben wird, ist illegal, das sind glatte Verstöße gegen geltendes Urheberrecht. Sie geschehen laufend – und werden einfach nicht geahndet. Wenn dagegen nicht bald etwas unternommen wird, wird manchen Schriftstellern das passieren, was vielen Musikern schon geschehen ist: der Verlust eines Einkommens, das ihnen von Rechts wegen zusteht.
Die Musikbranche liegt längst auf dem Boden. Seit es die Gratisdownload-Möglichkeiten im Internet gibt, sind die CD-Verkäufe drastisch zurückgegangen. Auch sehr populäre Rockmusiker können heute vom Verkauf ihrer CDs nichts mehr leben. Wenn sie noch Geld verdienen wollen, müssen sie auftreten auftreten auftreten.
»Gerne erzählen«, schreibt Konrad Lischka, »die Feinde des Urheberrechts, Musiker sollten allein von Gagen bei Auftritten leben, Autoren allein von den Einnahmen bei Lesungen. Man solle nur noch Zugang zu Einmaligem verkaufen, zu Live-Erfahrungen, nicht den Zugang zum Werk, das solle man gefälligst verschenken. Das ist sicher für einige Künstler ein gutes Modell. Doch mit Freiheit und Marktwirtschaft hat es wenig zu tun, Urhebern ein einziges Geschäftsmodell vorzuschreiben. Zudem: Wer gut schreibt und komponiert, ist nicht immer ein begnadeter Live-Performer – oder einfach schüchtern und öffentlichkeitsscheu. Legendäre literarische Einsiedler wie Patrick Süßkind oder J.D. Salinger hätten nach dieser Logik keinen Cent verdienen dürfen.« (Spiegel-Online 10.2.2012)
Was die Musik angeht: Natürlich gibt es faire Möglichkeiten, Musiknummern aus dem Internet zu beziehen, eine davon heißt iTunes, da bezahlt man 99 Cent pro Titel, davon geht ein Teil an die Urheber der Musiknummer, und alles ist in Ordnung. Aber warum, so denken zu viele, für etwas bezahlen, was man – zwar nicht legal, aber fast ganz gefahrlos – auch gratis bekommen kann? Bei Filmen ist es nicht viel anders. Der Produzent Martin Moszkowicz schreibt: »Das Angebot legaler Möglichkeiten, Unterhaltung im Netz zu konsumieren, hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Trotzdem werden beim heimischen Filmkonsum weniger als fünf Prozent mit legalen Downloads umgesetzt.« (Der Spiegel, 19.3.2012) Alles gratis! Ist doch cool, oder?
Der Autor und Musiker Sven Regener über die Folgen: »Man wird uncool, wenn man Urheberrecht sagt. Aber es wird so getan, als wenn wir Kunst machen wollten als exzentrisches Hobby. Und das Rumgetrampel darauf, daß wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, daß wir diese Werke geschaffen haben, das ist im Grunde genommen nichts anderes, als daß man uns ins Gesicht pinkelt. Und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben, wir wollen damit machen können, was wir wollen. Und wir scheißen drauf, was du willst oder nicht. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.« (Bayerischer Rundfunk, 21.3.2012)
Was den Musikern mit ihren CDs passiert ist, kann und wird auch den Schriftstellern mit ihren E-Books geschehen. Und ihnen kann und wird auch noch anderes geschehen. Man kann und wird ihre Werke verändern, verhunzen und verstümmeln.
Das kann man bei filmischen oder musikalischen Werken auch, aber dafür braucht es allerhand technischen und vielleicht sogar finanziellen Aufwand, auch braucht es mehr Sachverstand, als den meisten Internet-Usern zur Verfügung steht. In ein literarisches Werk hineinschmieren, das aber kann fast jeder.
Bald werden kleine Programme auftauchen (oder vielleicht gibt es sie längst), mit denen man die üblichen E-Book-Dateiformate in solche umwandeln kann, die von gängigen Textverarbeitungsprogrammen gelesen werden können, und diese dann wieder in die E-Book-Formate zurück. Und dann geht’s los!
Warum ich glaube, daß das geschehen wird? Weil die Erfahrung zeigt, daß alles, buchstäblich alles, was im Internet möglich ist, dort über kurz oder lang auch geschieht – und im schlimmsten Fall bald auch gängige Praxis wird: Der unerträglich rüpelhafte Stil auf manchen Diskussionsforen etwa, wo aus feiger Anonymität heraus jede Beleidigung, auch die widerwärtigste Diffamierung üblich geworden ist. Oder Kinderpornographie. Oder Bastelanleitungen für Bomben. Oder Nazi-Propaganda. Oder auch Aufforderung zur Lynchjustiz. (So geschehen etwa im Frühjahr 2012, als in Emden nach einem Mord an einem Mädchen ein zu unrecht Verdächtigter von der Polizei im Fernsehen vorgezeigt wurde, worauf hin auf Facebook Meldungen wie diese auftauchten: »Diesen ehrenlosen herzlosen Hund sollten sie foltern und töten.« Oder: »Lasst uns die Polizei stürmen und den Kerl rausholen.« Und – Facebook macht’s möglich – bald versammelten sich tatsächlich fünfzig Menschen vor der Polizeiwache, um das »Recht« selbst in die Hand zu nehmen).
Was im Internet möglich ist, geschieht dort auch.

Noch ist die Zeit
der allgemeinen Enteignung nicht gekommen.
Warum also bei den Künstlern damit anfangen?

Urheberrecht ist geltendes Recht – auch im Internet. Die einen wollen, daß es dort auch durchgesetzt werde, die anderen wollen, daß es – dort im Netz und am besten überhaupt – einfach abgeschafft werde. Das Urheberrecht sei überholt, meinen sie, es passe nicht mehr ins 21. Jahrhundert, ein Überbleibsel aus analogen Zeiten, das man am besten vergessen solle.
Rechtsvorschriften, an die man sich nicht halten mag, an die sich nicht zu halten man sich angewöhnt hat, einfach für überholt zu erklären, das ist freilich kein wirklich einleuchtendes Argument.
Auch daß gern ein hoher pathetischer Freiheitston angeschlagen wird, ändert nichts daran, daß oft nur von banalen, kleinkriminellen Verstößen gegen geltendes Recht die Rede ist. Und wer den freien Zugang zu allem und jedem verlangt, eigentlich aber nur den grundsätzlich kostenfreien Zugang meint, der ist – wie und wohin er sich auch immer zurechtstilisieren mag – kein Kämpfer für demokratische Rechte und Freiheiten, auch kein Pirat, nur ein Schnäppchenjäger.
Die »Freibier jederzeit und für alle!«-Mentalität mag populär sein, aber sie paßt nicht wirklich in jene kapitalistische Welt, in der wir – es mag und gefallen oder nicht – nun einmal leben. Und zu dieser kapitalistischen Welt gehört das Internet auch insofern, als gerade jene Plattformen, die dazu einladen, sich an fremdem geistigen Eigentum zu vergreifen, nach marktwirtschaftlich-kapitalistischen Grundsätzen arbeiten: Sie wollen – zum Beispiel durch Werbung – Geld verdienen, möglichst viel Geld sogar, schließen aber jene, mit deren Arbeit sie dealen, vom Geldverdienen aus.
»Wer die Marktwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler«, sagt Konrad Lischka (Spiegel-Online 10.2.2012).
Man mag und darf – aber ja! – davon träumen, daß alles, was es gibt auf der Welt, allen gemeinsam gehört und von allen kostenfrei genutzt werden darf. Doch steht die Abschaffung des Privateigentums noch nicht unmittelbar an, und die allgemeine Enteignung aller wird noch eine Weile auf sich warten lassen. Warum also schon jetzt ausgerechnet bei den Künstlern damit anfangen?

© Walter Wippersberg

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